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Wëllkommen bei den " Lieserbréiwer ongeschminkt "

BURNOUT-SYNDROM
27 Mai 2009 - 09:39:17

erschöpft – verbittert – ausgebrannt


Teil 1: Erkennen und Verstehen



Burnout ist in aller Munde, aber deshalb noch lange keine Diagnose -
noch nicht. Es ist aber sehr wohl ein beklagenswerter Zustand, der
immer häufiger wird. Und der verhängnisvolle Konsequenzen für den
Betroffenen und sein Umfeld hat: Beruf, Partnerschaft, Familie,
Freundeskreis, nicht zuletzt für die Gesundheit. Was muss man wissen?
Nachfolgend eine komprimierte Übersicht zum Erkennen und Verstehen.



Unter Burnout (engl.: to burn out = ausbrennen) verstand man
ursprünglich die negativen Folgen der beruflichen (Über-)Beanspruchung
mit gemütsmäßiger Erschöpfung, innerer Distanzierung und schließlich
Leistungsabfall. Oder - wie es früher beschrieben wurde -, ein
"Stress-Syndrom der helfenden Berufe" bzw. auf einen kurzen Nenner
gebracht: "Die Folgen von schlechten Bedingungen, unter denen viele
gute Leute tätig sind".



Inzwischen handelt es sich um ein reichlich komplexes Beschwerde-
bzw. Leidensbild, das zwar immer mehr Betroffene belastet, aber nur
zögerlich Eingang in Wissenschaft und Lehre und damit in Beratung,
Klinik und Praxis findet.



Was kann zum Burnout führen?



Zur Frage "was kann zum Burnout führen?" besteht bisher kein
einheitliches Meinungsbild. Manche Wissenschaftler betonen Faktoren wie
Mangel an Autonomie, Rollenkonflikte, zu hohe Erwartungen, Unklarheiten
in den hierarchischen Strukturen, inadäquate Ziele und Konzepte,
unzureichende Unterstützung durch Vorgesetzte usw. Andere weisen vor
allem auf Beziehungskonflikte hin, was dann tatsächlich Berufe mit
Patienten, Kunden, Schülern usw. besonders anfällig macht. Wieder
andere betonen die Diskrepanz zwischen dem anfänglich hohen Engagement
("lodern"), verbunden mit ggf. irrealen persönlichen Erwartungen und
der desillusionierenden Realität.



Was heißt das alles konkret? Nachfolgend in Stichworten die
häufigsten Ursachen, wie sie beim Burnout-Syndrom immer wieder genannt
werden (wobei dauernd neue Belastungsformen hinzukommen):



Hohe Arbeitsbelastung; schlechte Arbeitsbedingungen; Zeitdruck oder
zu großes Pensum in einem zu eng gesteckten Zeitrahmen, vor allem
stoßweise; schlechtes Betriebsklima; wenig tragfähige Beziehungen zu
den Mitarbeitern; wachsende Verantwortung; Nacht- und Schichtarbeit,
vor allem dort, wo man sich nicht arbeitsphysiologischen Erkenntnissen
anpassen will oder kann; unzulängliche materielle Ausstattung des
Arbeitsplatzes; schlechte Kommunikation unter allen Beteiligten
(Arbeitgeber, aber auch Mitarbeiter untereinander); zu geringe
Unterstützung durch den Vorgesetzten; wachsende Komplexität und
Unüberschaubarkeit der Arbeitsabläufe und -zusammenhänge;
unzureichender Einfluss auf die Arbeitsorganisation;
Hierarchieprobleme; Verwaltungszwänge; Verordnungsflut (gestern neu,
heute zurückgenommen, morgen modifiziert usw.); Termin- und Zeitnot;
unpersönliches, bedrückendes oder intrigenbelastetes Arbeitsklima, vom
Mobbing ganz zu schweigen; ferner ständige organisatorische
Umstellungen, ohne die Betroffenen in Planung und Entscheidung
einzubeziehen, bei Misserfolgen aber verantwortlich zu machen;
zunehmende, immer neue und vor allem rasch wechselnde Anforderungen;
zuletzt die wachsende Angst vor Arbeitsplatzverlust u.a.m.



Einige psychologische Aspekte des Burnout-Syndroms



Diese Liste äußerer Belastungen ließe sich beliebig verlängern.
Dabei ist aber folgendes zu beachten: Ihre Bedeutung bemisst sich nicht
nach dem, was "man" für richtig hält, sondern orientiert sich an den
Grenzen, die den Betroffenen seitens seiner seelischen, geistigen und
körperlichen sowie psychosozialen Fähigkeiten her gesetzt werden. Und
hier wäre man dann bei den psychologischen oder innerseelischen
Aspekten eines Burnout-Syndroms.



Das ist nicht sehr populär. Hinsichtlich der äußeren Belastungen
sind alle einer Meinung, während man sich innerseelische und
psychosoziale Schwachstellen nur bei anderen vorstellen kann. Und doch
spielen meist beide Aspekte eine Rolle. Dabei ist es im innerseelischen
Bereich zuerst einmal ein Faktor, der im Grund nur Gutes verheißt:
Einsatz, Initiative, Engagement, ja Über­engagement. Das aber schließt
auch die Gefahr von Überforderung und Erschöpfung mit ein.




Oft wirkt schon die Diskrepanz zwischen hohem persönlichen
Einsatzwillen, großen Erwartungen und dem grauen Arbeitsalltag
ernüchternd. Dazu kommt in manchen Fällen die mangelhafte gemütsmäßige
Belastbarkeit im Umgang mit Patienten, Kunden, Schülern usw. Natürlich
werden diese auch immer anspruchsvoller, fordernder, reizbarer oder
aggressiver: Jeder scheint nur noch seine Rechte, kaum einer noch seine
Pflichten zu kennen. So ist es sicher nicht falsch, wenn vor allem auf
das engere Umwelt für das Entstehen von "Ausbrenn-Syndromen"
hingewiesen wird. Doch sind wir auch gehalten, psychologische Einflüsse
zu klären. Denn die Kombination beider Aspekte ist wahrscheinlich das
Naheliegendste.



Häufig sind es auch Menschen mit Leistungswillen und Idealismus, die
ihren beruflichen Aufgaben zwar gerecht werden wollen, dann aber bitter
feststellen müssen, dass die erwarteten Erfolge und Anerkennungen
ausblieben, ganz zu schweigen von einem Minimum an Lob, das heute
tatsächlich kaum mehr zu haben ist. So werden Misserfolge im
Arbeitsfeld dann nicht nur als Kränkungen, sondern sogar als
persönliche Niederlagen erlebt. Das führt schließlich im Laufe der Zeit
zu Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls, zu
Kommunikationsstörungen, schließlich Leistungseinbruch, depressiv und
ängstlich gefärbten Erschöpfungszuständen und zuletzt zu vegetativen
Funktionsstörungen (Herz-Kreislauf, Magen-Darm, Wirbelsäulenbeschwerden
usw.).



Nicht wenigen Burnout-Betroffenen macht im übrigen Leben auch eine
zunehmende Sinnleere zu schaffen. Bei fehlendem Sinnbezug drohen aber
noch rascher Erschöpfung, Entfremdung und Erholungsunfähigkeit - und im
Gefolge davon neurotische und psychosomatische Störungen, bei denen
sich seelische Probleme in körperlichen Krankheitszeichen
niederschlagen.



Manche Menschen unterschätzen auch ihre berufliche Qualifikation und
damit Leistungsfähigkeit und sind getrieben von blindem Ehrgeiz mit all
seinen Folgen. Kommen noch entgleiste Selbstbehandlungsversuche mit
Alkohol, Nikotin, Medikamenten oder gar Rauschdrogen hinzu, ist die
Situation schließlich völlig verfahren.



Der Wille zum Helfen und zur hervorragenden Leistung ermöglichen im
Übrigen auch das Erlebnis, gut und gleichzeitig mächtig zu sein - eine
ideale Kombination. Kommt es jedoch - entgegen der unrealistischen
Wünsche - nicht zu dieser Selbstbestätigung, droht eine Ernüchterung,
im Extremfall das Burnout-Syndrom. Das in Einzelfällen überstarke
Streben nach Selbstdarstellung, Belohnung, Erfolg, Ruhm, öffentlicher
Aufmerksamkeit und Dankbarkeit, das sich immer mehr auszubreiten
scheint, wird inzwischen nicht nur als Sonderform süchtigen
Fehlverhaltens bezeichnet, sondern kann der direkte unheilvolle Weg zum
Burnout-Syndrom werden.



Manche Menschen überschätzen auch ihre berufliche Qualifikation und
damit Fähigkeiten und sind getrieben von einem bisweilen blinden
Ehrgeiz, dessen Keim nicht selten schon in jungen Jahren von selber
ehrgeizigen und falsch beratenen Eltern gelegt wurde, die ihre eigenen
Grenzen durch den Erfolg ihres Kindes zu sprengen versuchen. So hat für
manche "Ausgebrannte" ihr Beruf, ihre Position, das Projekt an dem sie
arbeiten usw. eine besondere, ja - uneingestanden - einzigartige
Bedeutung: Selbstverwirklichung, Selbstbestätigung, vielleicht sogar
Selbsterhöhung als Selbstbehandlungsmaßnahme gegen miserable sonstige
Bedingungen, als Therapie gegen Entmutigung, Nichtbeachtung,
Überforderung, Kränkungen, Demütigungen usw. Oder auch das Gefühl,
eigentlich nur durch Leistung und Anpassung geliebt, geschätzt oder
zumindest akzeptiert zu werden.



Natürlich treffen die hier genannten Punkte auf die meisten Menschen
in irgendeiner, wenngleich abgewandelten Form zu. Eine Direktverbindung
zum Burnout-Syndrom lässt sich daraus noch nicht konstruieren. Ein
wenig Burnout ist wohl in uns allen. Vermutlich hat es seinen Sinn.
Doch der wird ins Gegenteil verkehrt, wenn sich die Mühsal des Alltags
in ein Leidensbild verwandelt, das den Betroffenen lautlos, aber
unerbittlich hinabzieht in eine selbst-zerstörerische Krankheit, deren
Gefährlichkeit noch lange Zeit nicht erkannt wird.



Auf was muss man also achten, um ein Burnout-Syndrom zu verhindern,
zumindest aber rechtzeitig zu erkennen und dann gezielt zu behandeln?



Das Beschwerdebild des Burnout-Syndroms



Wie so oft im seelischen Bereich sind auch diese Symptome vielsagend
und im Einzelnen wenig aussagekräftig. Sie passen zu manchen seelischen
Störungen. Und wenn es sich um so genannte Vorposten-Symptome im
Vorfeld eines beginnenden Leidens handelt, sogar zur überwiegenden
Mehrzahl psychischer Erkrankungen. Trotzdem muss man sie rechtzeitig
erkennen lernen.



Inzwischen glaubt man sogar, das Burnout-Syndrom in verschiedene
Phasen einteilen zu können: Warnsymptome der Anfangsphase ->
reduziertes Engagement -> depressive und aggressive Reaktionen ->
Abbau von Leistungsfähigkeit, Motivation und Kreativität ->
Verflachung im geistigen und Gemütsbereich sowie im sozialen Leben
-> psychosomatische Reaktionen (Herz-Kreislauf, Magen-Darm,
Muskulatur, Immunsystem usw.) -> Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit
und Suizidneigung. Auch wenn sich dies nicht schematisch nutzen lässt,
vermittelt es doch einige praktische Hinweise.



Nachfolgend eine Kurzfassung der wichtigsten Krankheitszeichen, die
auf ein Burnout-Syndrom hinweisen können, aber nicht zwangsläufig
müssen. Die Entscheidung obliegt hierbei natürlich dem Arzt, der
allerdings nur selten aufgesucht wird - und wenn, dann häufig spät (und
unter anderen, meist vorgeschobenen Gründen).



Warn- und Alarmsignale



Der Beginn einer Burnout-Krise erscheint also erst einmal positiv.
Viele Burn-out-Betroffene gelten in der Tat als aktiv, dynamisch,
zupackend, ideenreich, engagiert bzw. überengagiert: vermehrter
Einsatz, freiwillige Mehrarbeit, (subjektiver) Eindruck der eigenen
Unentbehrlichkeit, das Gefühl, eigentlich nie mehr richtig Zeit zu
haben, damit wachsende Verleugnung eigener Bedürfnisse. Und vielleicht
sogar eine heimlich zunehmende Beschränkung zwischenmenschlicher
Kontakte, und zwar von außen nach innen: Arbeitskollegen, Nachbarn,
Bekannte, Freunde, Verwandte, enge Angehörige, Partner. Oft findet sich
auch die zwiespältige Fähigkeit, zumindest aber der Versuch,
Misserfolge und Enttäuschungen einfach nicht wahrnehmen zu wollen und
daraus Konsequenzen zu ziehen. Mit anderen Worten: Viele jener an sich
guten Eigenschaften stellen sich bei näherer Betrachtung als Fußangeln,
wenn nicht gar als Fallgruben heraus.



Nach und nach wird das (Über-)Engagement auch durch eine sich
langsam, aber unerbittlich ausbreitende Erschöpfungsphase gleichsam
ausgebremst: Jetzt drohen verminderte Belastbarkeit, wachsende
Stimmungslabilität und vor allem eine bisher nicht gekannte
Erholungsunfähigkeit ("komme nicht mehr auf die Füße"). Auch eine
sonderbare und vor allem zunehmende Infektanfälligkeit gehört dazu,
meist ständige banale Erkältungen und Grippeinfekten. Die Betroffenen
werden müde, z. B. im Sinne einer eigenartigen, alles durchdringenden
Mattigkeit (wie sie nebenbei das höhere Lebensalter generell
kennzeichnet), in Fachkreisen auch als Tagesmüdigkeit oder chronische
Müdigkeit bezeichnet. Am Ende drohen sogar rasche Erschöpfbarkeit und
schließlich regelrechte Kraftlosigkeit. Dazu kommt ein sonderbares
Phänomen, nämlich "müde, matt und abgeschlagen" nach außen, innerlich
aber unruhig, nervös und gespannt, mitunter sogar reizbar und
gelegentlich aggressiv. So etwas hat man früher sehr treffend als
"reizbare Schwäche" bezeichnet.



Das Ganze mündet schließlich in einen Endzustand, der durch
Resignation, Entmutigung, verringerte Frustrationstoleranz, leichte
Kränkbarkeit, Niedergeschlagenheit, schließlich sogar durch
Minderwertigkeits- und Versagensgefühle gekennzeichnet ist. Die
Sichtweise der Betroffenen wird schwernehmend, pessimistisch, ja von
Negativismus oder Fatalismus geprägt. Man erkennt diese Menschen
angesichts ihres früheren Auftretens kaum wieder.



Psychosoziale Konsequenzen



Das hat Folgen. Langsam, aber stetig wird das gesamte
Leistungsvermögen regelrecht abgebaut: die Motivation, die Kreativität,
die Gedächtnisleistung, d. h. es behindern immer häufiger Merk- und
Konzentrationsstörungen, ja regelrechte Vergesslichkeit. In diese Zeit
fallen auch die ersten ernsteren körperlichen Beschwerden ohne
nachweisbaren Grund.



So kann es nicht ausbleiben, dass sich schließlich auch Partner-
oder Eheprobleme, zuletzt auch allgemeine familiäre Schwierigkeiten
dazu gesellen. Jetzt beginnt der Betroffene wie eine Kerze an beiden
Seiten abzubrennen. Auch zu Hause gibt es nämlich keine Rückzugs- und
Erholungsmöglichkeiten mehr. In diese Zeit fällt deshalb nicht selten
ein wachsender Alkohol-, Nikotin- und Kaffee-Konsum, möglicherweise
sogar ungesteuerte, weil verzweifelte und vor allem nicht ärztlich
kontrollierte Selbstbehandlungsversuche mit Beruhigungs-, Schmerz- und
Schlafmitteln aus fremden und früheren Beständen. Denn der Arzt wird
selbst in diesem Stadium nur selten hinzugezogen, und wenn, dann - wie
erwähnt - unter vorgeschobenen, d. h. im Grunde irrelevanten und damit
irreführenden Voraussetzungen bzw. Klagen. Dies betrifft nicht zuletzt
"starke Persönlichkeiten", die es als Schwäche empfinden, letztlich
"ohne Grund" um Hilfe nachzusuchen bzw. die die möglichen, nur dunkel
erahnten Hintergründe von vornherein ablehnen ("Burnout oder ähnliches
haben nur Schwächlinge oder Erfolglose ....").




Berufliche Einbußen



Einige der schwerwiegendsten Konsequenzen aber konzentrieren sich
auf den Arbeitsplatz. Natürlich reagiert jeder anders, aber immer
wieder zu hören sind folgende Charakteristika:



Desillusionierung, Gefühl von Widerwillen, Ärger, Versagen, ggf.
Entmutigung; Gleichgültigkeit; Schuldgefühle; negative Einstellung mit
wachsendem Widerstand, täglich zur Arbeit zu gehen; ständiges
Auf-die-Uhr-Sehen im Dienst; Fluchtphantasien und Tagträume; Überziehen
von Arbeitspausen, verspäteter Arbeitsbeginn, vorverlegter
Arbeitsschluss und wachsende Fehlzeiten; Verlust von positiven Gefühlen
gegenüber Patienten, Klienten, Schülern, Kunden usw.; deshalb vermehrte
Verschiebung von entsprechenden Kontakten; innerer Widerstand gegen
Anrufe und Besuchstermine; heimlich einschleichender Dienst nach
Vorschrift; Stereotypisierung von Klienten, Patienten u. a. ("ist doch
immer das gleiche ..."); Unfähigkeit, sich auf die anderen zu
konzentrieren, ihnen geduldig zuzuhören; vermehrt tadelnde, negative,
reizbare oder gar aggressive Einstellung den anderen gegenüber;
Vermeidung von Diskussionen mit Mitarbeitern und Vorgesetzten; immer
öfter mit sich selber beschäftigt; zunehmend unbewegliche, ja starre
Denkkategorien; misstrauischer Widerstand gegen jegliche Veränderungen
im Betrieb, manchmal fast wahnhaft anmutende Reaktionen; damit
wachsende Rückzugsneigung und Isolationsgefahr u. a.



Nach außen äußert sich diese verhängnisvolle "Abwehrstrategie"
gegenüber der inzwischen ungeliebten Berufsaufgabe oft darin, dass der
Kontakt zu Patienten, Kunden, Schülern usw. immer mehr vom menschlichen
Aspekt weg­gerückt und zum "Fall" degradiert wird, zum "Vorgang", zur
"Bearbeitungs-Nummer" usw. Das Subjekt sinkt zum Objekt herab. Damit
erlischt die innere Beziehung. Die ursprünglich positiven Gefühle
werden ins Negative verkehrt. Es kommt zu einer ungewohnten seelischen
Verhärtung und schließlich sogar Verflachung des Gemütslebens (bei aber
unveränderter oder wachsender Kränkbarkeit für eigene Belange).



Und schließlich der für jeden erkennbare Endzustand: Ironie, Sarkasmus und Zynismus.



Das Ende



Das ist natürlich keine gute Strategie. Vor allem fällt sie auf den
Betroffenen zurück. Jetzt schwindet nämlich auch das Vertrauen in die
eigene Leistungsfähigkeit, die erworbenen Kenntnisse, die langjährigen
Erfahrungen. Minderwertigkeitsgefühle, Unsicherheit, Gleichgültigkeit
und depressive Verstimmungen greifen um sich. Die Arbeit liefert
ohnehin kein Erfolgsgefühl mehr. Die Verlagerung des Interesses auf die
Freizeit ("Aufblühen am Wochenende") ist zweischneidig. Das Wochenende
dient eigentlich der Erholung und Bereicherung, nicht der Kompensation
von "5 Werktagen Frust".



Was übrig bleibt, ist eine sonderbare Mischung aus Widerwillen,
Resignation, Selbstmitleid, Bitterkeit, Reizbarkeit, Aggressivität,
Negativismus, Ressentiments, Misstrauen, Deprimiertheit, Angst,
bisweilen sogar Panikbereitschaft. Die Entwertung der anderen schlägt
um in die Entwertung der eigenen Person.



Spätestens jetzt erdrücken die schon lange belastenden körperlichen
Beschwerden, die nach wie vor durch keinen organischen Befund gestützt
werden können (obgleich man vielleicht von einem Facharzt zum anderen
gewandert ist, ausgedrückt in dem modernen Begriff "doctor shopping").
Am häufigsten sind es Schlaf-, Appetit- und sexuelle Störungen,
Kopfschmerzen (vor allem ein dumpf-diffuser, manchmal helm-, manchmal
reifenartiger Kopfdruck, beim einen mehr im Bereich der Stirn, beim
anderen im Hinterhauptsbereich lokalisiert), ferner Beschwerden von
Wirbelsäule und Gelenken, Magen-Darm-Leiden, Herz- und
Kreislaufbeschwerden sowie die bereits erwähnte erhöhte Anfälligkeit
für Infektions- (vor allem Erkältungs-) Krankheiten. Der Betroffene
fehlt immer häufiger am Arbeitsplatz. Aber jetzt nicht mehr aus rein
seelischen oder psychosozialen, sondern auch aus organischen oder
treffender: psychosomatischen Beschwerden (unverarbeitete seelische
Probleme, die sich im körperlichen Bereich äußern und keinen
krankhaften Befund ergeben, mit Ausnahme der üblichen "Grenzbefunde",
die jeder hat).



Das läutet die letzte Runde dieses Teufelkreises ein, der dann
lautet: abnehmende Arbeitsmoral und damit Qualitätsverlust der eigenen
Leistung -> innere Kündigung -> seelischer Einbruch mit
zahlreichen körperlichen Symptomen ohne nachweisbare Ursache ->
entgleiste Selbstbehandlungsversuche mit Genussmitteln und Medikamenten
-> zusätzliche Partner- und Familienprobleme -> längerfristige
Krankschreibungen wegen unklarem Krankheitsbild -> Gefahr der
Kündigung -> Verzweiflung mit gesamthaft negativer Einstellung,
zumindest aber Unerfülltheit, Hoffnungslosigkeit, Gefühl der
Sinnlosigkeit, ggf. sogar Selbsttötungsgedanken -> existentielle
Gefährdung.



Was kann man tun: vorbeugend und schließlich therapeutisch?


Teil 2: Vorbeugen und Behandeln



Vorbeugende Maßnahmen



Die wirkungsvollste Behandlung ist wie immer eine rechtzeitige und konsequente Vorbeugung. Dazu einige Hinweise:



Der erste Schritt ist eine gründliche Situationsanalyse. Es ist
erstaunlich, wie lange sich viele Menschen ausgebrannt dahinschleppen,
ohne über mögliche Ursachen realistisch und objektiv nachgedacht zu
haben. Offenbar kann man sich selbst am besten täuschen.
Zusammengefasst heißt das: Welche Umweltbedingungen sind belastend?
Welche eigenen Bedürfnisse und Ziele wurden vernachlässigt, welche
Fähigkeiten blieben unterentwickelt? Welche Vorstellungen sind
unrealistisch, welche Glaubenssätze und Denkmuster dysfunktional,
welche Informationen fehlen und wo lässt sich mit dem besten
Aufwand/Nutzenverhältnis etwas ändern - vor allem ein Stück Autonomie,
also Freiheit für sich selber wiedergewinnen? Dazu einige konkrete
Überlegungen:



- Der Einsatz: Als erstes muss man sich der Möglichkeit
bewusst sein, dass das "Ausbrennen" jeden treffen kann. Den Einsatz
deshalb dosieren und damit die Kräfte langfristig schonen. Zu großes
Überengagement am Anfang birgt immer eine Erschöpfungsgefahr in sich -
früher oder später, je nach individuellem Kräfte-Reservoir und
entsprechenden Arbeitsbedingungen.



- Beruf: Im Weiteren muss man klären, ob der jetzige Beruf
tatsächlich der "Jugendtraum" war. Oder ob man ihn eigentlich nie
angestrebt hat, nur "hineingerutscht" ist oder gar hineingezwungen
wurde. Sich darüber klar werden, heißt zwar schmerzliche Erkenntnisse
hinzunehmen, bedeutet aber auch keinen Illusionen mehr aufzusitzen.



- Dann der Versuch, die Selbsteinschätzung schonend zu modifizieren,
d. h. Schluss mit den überhöhten Ansprüchen an sich selber ("was man
nicht selber tut, ist nicht getan"). Vielleicht auch die überhöhte
Selbsteinschätzung korrigieren, was die geistige Leistungsfähigkeit,
seelische Stabilität, die körperliche Belastbarkeit, die psychosozialen
Bedingungen, also Partnerschaft, Familie, berufliches Umfeld usw.
anbelangt.



- Die gesunde Lebensführung ist ein ungelöstes Problem. Zum einen
ist die Gesundheit das kostbarste Gut und deshalb stets ein vorrangiger
Wunsch. Doch die Realität sieht anders aus. Die einfachsten
Gesundheitsregeln werden im Alltag nicht ernst- oder wahrgenommen,
dafür haben immer häufiger Übertreibungen (Sport) und suspekte
Gesundheitsangebote Hochkonjunktur. Besonders die kleinen
Unterstützungsmaßnahmen haben keine Chance. Sie wirkten entweder zu
banal oder werden gezielt lächerlich gemacht. Denn was man nicht ernst
nehmen muss, braucht man auch nicht zu befolgen. Zumindest aber macht
es keine Schuldgefühle, wenn man sich unvernünftig verhält. Was also
soll man weder in den höchsten Tönen anpreisen, noch niedermachen,
sondern einfach praktizieren? Im Einzelnen:



- Ausreichender Schlaf: Diese an sich selbstverständliche
Forderung wird häufig nicht vom individuellen Bedarf, sondern von den
psychosozialen Bedingungen bestimmt. Damit droht ein schleichendes
Schlaf- bzw. Regenerationsdefizit, insbesondere ab den mittleren
Lebensjahren (in jungen Jahren wird der Raubbau lange nicht
realisiert). Ein ausreichendes Schlafquantum, das vom Organismus und
nicht von äußeren Zwängen diktiert wird, ist eine der wichtigsten
Vorbeugemaßnahmen gegen psycho-physischen Verschleiß im Allgemeinen und
das Burnout-Syndrom im speziellen. Dabei wird sich an den beruflichen
Bedingungen nur selten etwas ändern lassen (was die Folgen aber auch
nicht mildert), wohl aber in der Freizeit. Dort wird die Schlaf- und
damit Erholungszeit unvernünftigerweise ständig verkürzt, was nicht
zuletzt den "ungesunden Fernsehgewohnheiten" anzulasten ist. Man sitzt
und sitzt, konsumiert aufregende Programme (auch wenn man meint, es
berühre einen nicht) und beeinträchtigt damit Schlaf-Qualität und
-Quantum. Und selbst der Urlaub dient nicht der Erholung, sondern kann
eine durchaus stress-intensive Zeit werden, zumindest bezüglich Anreise
und Rückfahrt im Stau.



- Auch physikalische Behandlungsmaßnahmen sind zur
körperlichen und sogar seelischen bzw. psychosomatischen Kräftigung
durchaus erfolgreich, wenn man 1. keine Sofortwirkung erwartet und sich
2. wenigstens zu einer mittelfristigen Behandlungsstrategie durchringen
kann. Dazu gehören - je nach Schwachpunkten - Schulter- und
Nackenmassagen, Kneippsche Anwendungen, medizinische Bäder mit
entsprechenden Zusätzen u. a.




Ganz wichtig, nicht nur aus biologischer Sicht, sondern weil auch
durch Eigeninitiative getragen, sind Bürstenmassagen und
Wechselduschen. Sie sollten ohnehin zum Standard-Repertoire einer
gesunden Lebensführung gehören. Meist handelt es sich um morgendliches
Trockenbürsten des ganzen Körpers (in kreisförmiger Bewegung zum Herzen
aufsteigend) sowie anschließendes Wechselduschen (d. h. mit kühl oder
kalt abschließen).



- Körperliche Aktivität: Sport, ggf. Leistungssport, ja sogar
riskante oder verschleißträchtige Sportarten sind derzeit "in". Das
aber ist nicht das, was der Organismus benötigt, um seine Reserven
wieder aufzufüllen. Gefordert ist regelmäßige(!) körperliche Aktivität
in vernünftigem Maße und nicht stoßweise Überaktivität. Dazu gehören
z. B. täglicher "Gesundmarsch" bei Tageslicht (vor allem in der dunklen
Jahreszeit, um der wachsenden Beeinträchtigung durch so genannte
saisonale affektive Störungen zu begegnen, früher auch als
"Winterdepression" bezeichnet). Ferner Gartenarbeit (was gemütsmäßig
besonders ausgleichend wirkt) oder Fahrradfahren, Schwimmen, Gymnastik
usw.




Wichtig: Sich nicht an "moderne" oder gerade hochgejubelte
Sportarten verlieren, sondern sorgfältig herauszufinden suchen, was
einem am besten zusagt, wo man sie auf körperlicher und seelischer
Ebene am ehesten wiederfindet, und die wenigsten Risiken eingeht.



Im Übrigen bestätigt die Wissenschaft inzwischen, was ohnehin jeder
weiß, wenngleich nicht nutzt: Wald, Feld und Flur bieten die
günstigsten Regenerationsbedingungen. Insbesondere das so genannte
Waldklima, in der Allgemeinheit einfach als "gute Waldluft" bezeichnet,
in Wirklichkeit aber eine heilsame Mischung aus verschiedenen
klimatischen Parametern: Temperatur, Windgeschwindigkeit,
Strahlungsangebot (spezielle Lichtverhältnisse mit dem vorherrschenden
langwelligen Rot, Luft- und Lärmfilterung usw.) wären ein
unvergleichlicher Ort der Erholung - sofern man ihn nützen würde, und
zwar regelmäßig.



- Über ein gesundes Nahrungsverhalten gibt es eine ungeheuere
Literatur und ständig neue Empfehlungen. Dabei weiß jeder selber, wie
er sich ernähren sollte: Über-, aber auch Untergewicht vermeiden;
Rückkehr zu Vollkornprodukten und faserreicher Ernährung (z. B. Müsli,
aber selbstgeschrotet), großer Anteil von Obst und Gemüse, möglichst in
roher Form; Einschränkung raffinierter Produkte und Konserven.



- Das Problem der Genussmittel lässt sich in noch kürzer fassen: Alkohol und Kaffee in Maßen, Nikotin meiden.



- Keine Rauschdrogen: Eigentlich selbstverständlich, aber die
Realität sieht anders aus. Dies betrifft nicht die harten Drogen,
sondern die so genannten soft drugs (z. B. Haschisch und Marihuana,
ggf. auch Psychostimulanzien) oder Party-Drogen (z. B. Designerdrogen
wie Ecstasy). Man glaubt nicht, wie vielen Menschen denen man das nie
anmerken würde, der gelegentliche Drogenkonsum nicht fremd ist.



- Erlernen von Entspannungstechniken: Dazu gehören Autogenese
Training, Yoga, Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson u. a., und
zwar bevor man sie braucht - und dann auch regelmäßig einsetzen bzw.
trainieren.



- Hobbys: Ganz wichtig ist die Pflege von Hobbys und
sonstigen Tätigkeiten außerhalb des Berufs. Das gilt als
Selbstverständlichkeit, doch auch hier sieht die Wirklichkeit anders
aus. Jeder spricht von seinen Hobbys, doch nur eine Minderheit
praktiziert sie so, dass sie einen hilfreichen Stellenwert im Alltag
einnehmen. Die häufigste Entschuldigung ist bekannt: keine Zeit, der
Beruf und sonstige Verpflichtungen lassen es nicht zu.




Wie real diese Ausrede auch immer sein mag, wenn man das Hobby als
Regenerationshilfe nicht nutzt und auch sonst keinen Ausgleich hat,
dann gerät man langsam, aber sicher in ein Defizit. Dessen Folgen sind
meist aufwendiger, als die kontinuierliche Pflege eines Hobbys. Denn
ein Hobby ist nicht nur ein Hobby, sondern ein wichtiger Teil der
Gesundheitserhaltung, eine wirksame Selbstheilungsmaßnahme.



Manche versteigen sich - ausdrücklich oder zumindest für sich selber
als Trost - zu dem "Grundsatz": Mein Beruf ist mein Hobby. Diese Brücke
kann in der Tat recht lange halten, hat aber ihre Schwachstellen. Denn
was ist, wenn der Beruf das Hobby darstellt und man verliert plötzlich
die Freude an der Arbeit, aus welchem Grund auch immer? Dann hat man
gar nichts mehr.




Oder noch schlimmer: Was ist nach Abschluss der Arbeit denn nicht
alle können bis ins hohe Alter weitermachen? Dann drohen
"Renten-Bankrott" und "Pensionierungs-Schock". Wer dann alte Hobbys
reanimieren will, muss Glück haben, wenn das gelingen soll. Vielfach
schrumpft alles zu einem kümmerlichen Tagesplan, der eher an ein
Dahinvegetieren als an ein erfülltes Altern erinnert. Vor allem aber
schrumpfen damit geistige Regsamkeit, körperliche Reserven und
zwischenmenschliche Aktivitäten. Deshalb: Hobbys sind mehr als Hobbys.
Sie sind wie ein angespartes Vermögen für psychosoziale Notzeiten, die
ja durch das Berufsende unabweislich kommen werden.



- Kontakte pflegen: Auch das ist ein Punkt, der viel zu wenig
beachtet bzw. nicht ernst genommen wird. Das betrifft nicht nur
Nachbarn, Bekannte, Freunde, sondern sogar den engeren Familienkreis:
Eltern, Partner, Kinder. Letzteres wird noch am ehesten eingesehen.
Doch auch die anderen Kontakte sind wertvoll. Denn zwischenmenschliche
Beziehungen auf jeder Ebene schützen vor dem "Ausbrennen". Das sieht
zwar jeder ein, doch bei immer mehr Menschen kommt es durch die
berüchtigte Stress-Spirale zum "leisen Einschlafen der Beziehungen",
nicht zuletzt im Freundes- und Nachbarkreis. Man muss sich einmal
selber beobachten: Nur wenn man "gut drauf", ausgeschlafen, zufrieden,
voller Dynamik usw. ist, sucht und vor allem steht man den
zwischenmenschlichen Kontakt auch befriedigend durch. Müde, matt,
abgeschlagen, unzufrieden, missgestimmt, deprimiert usw. geht man ihm
eher aus dem Weg. Kontakt braucht nicht nur Zeit, sondern auch Kraft.
Also geht er verloren, wenn man dauern "gestresst" und überfordert ist.




Doch das hat folgenschwere Konsequenzen, und zwar nachhaltiger, als
man dem Faktor "Pflege der Beziehungen" zutrauen würde. Man beginnt
nämlich still und leise zu vereinsamen. Und dann traut man sich im
Falle der Not nicht mehr anzurufen und hätte etwas Zuspruch doch so
bitter nötig. Kurz: Kontakte müssen sorgfältig gepflegt werden, vor
allem in Zeiten, in denen man sie nicht zu brauchen scheint. Sonst kann
man bei Bedarf nicht "ernten".



Therapie des Burnout-Syndroms



Zur Therapie des Burnout-Syndroms gibt es trotz zahlreicher
Einzelhinweise bisher kaum gesichertes Wissen. Am effektivsten ist und
bleibt eine individuell angepasste Behandlung. Was bietet sich dabei an?



- Als Erstes gilt es - wenn auch verspätet - die psychohygienischen
Selbstbehandlungmöglichkeiten zu nutzen, die natürlich am besten als
präventive Maßnahmen im Vorfeld eines beginnenden Beschwerdebildes
greifen. Sie sind nie umsonst, nicht als Vorbeugung, nicht im Rahmen
eines schließlich nötig werdenden Gesamtbehandlungsplanes.



- Die Psychotherapie, also die Behandlung mit psychologischen
Mitteln durch Psychiater, Nervenarzt oder Psychologen mit
psychotherapeutischer Ausbildung dürfte allerdings nur selten zustande
kommen. Etwas anderes sind verhaltenstherapeutisch orientierte
Empfehlungen, die in jedem Falle weiterhelfen. Dazu gehören z. B. die
Umverteilung der Energien vom Aufgaben- auf den Freizeitbereich (der
bisher vernachlässigt wurde), vor allem aber Zeitplanung (Tages- und
Wochenpläne) mit genauer Aufteilung von aktiven und passiven
Freizeitphasen, die dann auch wirklich eingehalten werden. Und das
bereits mehrfach erwähnte Erlernen und konsequente Anwenden eines
Entspannungstrainings (z. B. Autogenes Training, Yoga). Dazu müssen die
zugrunde liegenden Belastungsfaktoren bewusst gemacht werden, zumal sie
verantwortlich sind für das ständig überhöhte Anspannungsniveau und die
damit auf Dauer verringerte Stressresistenz.



Das Gleiche gilt für den Umgang mit Frustrationen, Aggressionen oder
gar selbstschädigenden Verhaltensweisen (vom Kaffee-, Nikotin- und
Alkoholmissbrauch bis zur sportlichen Überforderung oder gar
Risiko-Sportart als überkompensatorische Selbstbestätigung). Dabei
müssen genaue Pläne mit Verhaltensweisen erarbeitet und konstruktive
Selbstinstruktionen (z. B. auch "Notfall-Instruktionen") festgelegt
werden. Wichtig ist auch das exakte Erfassen von Schlüsselreizen (was
geschieht, wenn...). Sobald sich derlei abzeichnet, muss der Patient
umgehend entsprechend reagieren, und zwar anhand eines genauen
Interventionsplanes, z. B. mit Entspannungsübungen, Aus-Zeit nehmen usw.




Gegen eine Rückfallgefahr, insbesondere was die konstruktive
Freizeitgestaltung anbelangt, wird eine individuelle Checkliste mit den
Warnsymptomen und entsprechenden Verhaltensstrategien erstellt. Das
alles muss regelmäßig durchgegangen und ggf. wiederholt und damit
verstärkt werden. Eine Burnout-Therapie ist nicht nur eine
vorübergehende Intervention, sondern eine Langzeitanstrengung. Das
Therapieziel ist die generelle Veränderung der Lebensgewohnheiten und
eine Veränderung der Selbsteinschätzung.



- Die soziotherapeutischen Unterstützungs- und Korrekturmaßnahmen
gehen z. T. schon in obigen Empfehlungen auf, ergänzt durch die
ebenfalls bereits erwähnten Vorschläge für eine gesunde und geordnete
Lebensführung, was vor allem die Faktoren Schlaf, Genussgifte,
Erholungsbedarf, Nahrungsverhalten, körperliche Aktivität u. a.
betrifft. Auch die Arbeitsplatzsituationen, die häufigste Ursache eines
Burnout-Syndroms, muss natürlich diskutiert werden, einschließlich der
dahinter stehenden Aspekte: zu hohe Erwartungshaltung, Überforderung,
mangelhafte Unterstützung durch Vorgesetzte, Auseinandersetzungen mit
Kolleginnen und Kollegen, Unzufriedenheit, Resignation und Verbitterung
usw. Wichtig ist hier eine rückhaltlose Aufklärung der meist komplexen
Ursachen, eine intensive Motivationsarbeit und vor allem das Gefühl des
Betroffenen, vom Therapeuten verstanden und angenommen zu werden.



- Physikalische Behandlungsmaßnahmen werden zwar akzeptiert - aber
meist nicht praktiziert, zumindest nicht konsequent. Auch kosten sie
natürlich Zeit. Das alles widerspricht der Wesensart und Einstellung
vieler Burnout-Betroffener, die ja bekanntlich eine Neigung zur "kurzen
Geduld" haben, die sich vor allem in dem Wunsch niederschlägt,
möglichst rasch "wiederhergestellt" zu werden, wie ein technisches
Gerät nach Wartung oder Reparatur. Das bedarf der ausführlichen
Aufklärung, verbunden mit der Mahnung zu Ausdauer, Geduld und
Therapietreue sowie Eigeninitiative. Neben der dosierten körperlichen
Aktivität werden es vor allem Schulter- und Nackenmassage, Gymnastik,
Kneippsche Anwendung, medizinische Bäder mit entsprechenden Zusätzen
etc. sein.



- Die Pharmakotherapie ist umstritten, aber nicht in ihrer Wirkung,
sondern im allgemeinen Meinungsbild. Geradezu grotesk deutlich wird
dies, wenn die Betroffenen besorgt oder entrüstet Arzneimittel mit
Wirkung auf das Seelenleben ablehnen, insgeheim aber bereits zu
Alkoholgefährdeten, Nikotinsüchtigen, Coffeinisten oder gar
Drogenkonsumenten (Psychostimulanzien, Designerdrogen,
Haschisch/Marihuana, Kokain usw.) geworden sind. Psychotrope Pharmaka
werden zwar als "Chemie" oder "Gift" zurückgewiesen, der morgendliche
Koffein-, der ganztägige Nikotinmissbrauch und der abendliche
Alkoholkonsum bis zur Rauschgrenze ("Schlummertrunk", "ein Gläschen
Rotwein zur Entspannung") aber gehören bereits seit Jahren dazu.



Wichtig bei den Psychopharmaka ist die ärztliche Begleitung. Das
hört sich selbstverständlich an, ist es aber nicht. Nicht wenig
Burnout-Betroffene neigen zu selbstherrlicher Medikation und meinen,
selber am besten zu wissen, was ihnen gut tue. Das ist übrigens
generell ein Teil ihres Problems, kann aber bei der medikamentösen
Selbstbehandlung eine ernste Zusatzbelastung werden.




Die Vorschläge des Arztes richten sich nach dem Beschwerdebild, mehr
erschöpft-resigniert oder gar deprimiert, mehr unbestimmt-ängstlich
oder konkret furchtsam, mehr angespannt oder apathisch, mehr rein
seelisch oder überwiegend psychosomatisch (Seelisches äußert sich
körperlich) usw. In zunehmendem Maße versucht man es erst einmal mit
psychotropen Pflanzenheilmitteln wie dem stimmungsstabiliserenden
Johanniskraut, den beruhigenden Baldrian-, Hopfen-, Melisse-,
Passionsblume-Präparaten, den angstlösenden Kava-Kava- bzw.
Kavain-Substanzen usw. Ansonsten bieten sich - zeitlich begrenzt -
Beruhigungs- und Schlafmittel an, eventuell niederpotente Neuroleptika
und Antidepressiva.



Therapeutische Möglichkeiten des Arbeitgebers



Und schließlich seien zum Abschluss noch einige "therapeutische"
Hinweise für Arbeitgeber und Vorgesetzte erwähnt. Diese werden zwar
einwenden, dass sie nicht auch noch für den "Seelenfrieden",
insbesondere für die psychische Stabilität und die körperliche
Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zuständig
seien, doch sollten sie die nachfolgenden Zeilen dennoch lesen. Sie
stammen nämlich nicht aus der Feder von Ärzten und Psychologen, sondern
sind Erkenntnisse ihresgleichen, vorgetragen auf einem Kongress und
publiziert in einer technischen Fachzeitschrift (vdi). Denn es gibt
einen betriebspsychologischen Grundsatz, der keiner Diskussion bedarf,
so selbstverständlich hört er sich an:



Verantwortungsvoller Umgang mit dem Personal fördert den Erfolg eines Unternehmens.



Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Betriebsklima wird
rauer. Dabei wird immer wieder auf folgendes hingewiesen: Explodierende
Kosten und harte Wettbewerbsbedingungen fordern die Unternehmer immer
mehr. Viele suchen dann Lösungsansätze in neuen Strategien, vergessen
dabei aber oft den pfleglichen Umgang mit ihren Mitarbeitern. Dazu die
erwähnten Kommentare, die schon nachdenklich werden lassen.



"Mit einer schlankeren Organisation wollen sich die meisten
Unternehmen ihren Weg in die Zukunft ebenen. Dieser Kampf ums Überleben
beeinflusst aber in zunehmendem Maße die innerbetriebliche
Zusammenarbeit. So geht es zwischen den Mitarbeitern inzwischen mit
immer härteren Bandagen zur Sache. Dabei muss man sich fragen: Merkt
denn niemand, wie stark mit diesem Umgangsstil (und oft auch
Umgangston) die Bemühungen um einen der vorderen Plätze im Markt
konterkariert werden? Kommt es denn keinem in den Sinn, dass derart
geistig und seelisch ausgelaugte, frustrierte Mitarbeiter und von
diesen deshalb nur allzu oft düpierte Kunden alles andere als Türöffner
zur Zukunft sind? Gefordert ist deshalb eine Rückkehr zu pfleglicheren
innerbetrieblichen Umgangformen" (I. Nütten).



Gewarnt werden muss vor einer wachsenden innerbetrieblichen Kälte.
Denn der seelisch-mentale Stressballast in Folge rüden
Führungsverhalten ist ein gefährlich unterschätzter Sprengsatz an den
Fundamenten der Unternehmen: Die harte innerbetriebliche Gangart macht
die Mehrzahl der Mitarbeiter bereits zu angeschlagenen Kämpfern, bevor
sie überhaupt mit ihrer Arbeit begonnen haben" (Th. Weegen).



"Was der Sport schon lange zeigt, gilt ohne Abstriche auch für die
Wirtschaft: Siege werden in den Köpfen errungen. Erfolge sind das
sichtbar gewordene Ergebnis innerer Einstellung. Wo Führung
ausschließlich als Powerplay mit Menschen und Mitteln betrieben und das
innere Wohlbefinden der Belegschaft als Nebensache angesehen wird,
heißt das Ergebnis nicht Erfolg, sondern Krise. Mit einem derartigen
desolaten Innenleben findet kein Unternehmen die richtige Antwort auf
die Fragen, die das hohe Innovations- und Wettbewerbstempo ständig
aufwirft" (H. Volk).



Und zum Schluss das bedenkenswerte Ergebnis einer amerikanischen
Untersuchung: Eigentlich wollte man nur wissen, welche fünf US-Firmen
zwischen 1972 und 1992 im Jahresdurchschnitt die höchsten Gewinne pro
Aktie erzielt haben. Doch als man schließlich diese fünf Gewinner nach
ihren Gemeinsamkeiten untersuchte, kam folgendes heraus: Alle verfügten
weder über eine beherrschende Marktposition, noch über eine
einzigartige Technologie, noch waren sie Massenproduzenten. Sie
agierten auch nicht in ausgesprochenen Wachstumsmärkten oder konnten
sich auf Zulieferer stützen, die dem Unternehmen besonders eng
verbunden waren. Vielmehr zeigte sich nur eines:



Der entscheidende gemeinsame Erfolgsfaktor lag im pfleglichen Umgang mit dem Personal.



Quelle : psychosoziale-gesundheit


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